Interkontinentales Ökostromnetz: Mit erneuerbarer Energie Europas Strombedarf decken

Kassel/Brüssel. Wenn der Weltklima-Rat am 6. April den zweiten Teil des UN-Klimareports vorstellt, wird es um die drohenden Folgen der Erderwärmung auf die Regionen der Welt gehen. Schon im ersten Teil ihres Reports kamen die Forscher zu dem Schluss, dass der Mensch mit großer Sicherheit für den Klimawandel verantwortlich ist.
Dass regenerative Energien helfen können, eine Hauptursache des Klimawandels- die Produktion von CO2 bei der Stromerzeugung – zu vermeiden, ist nicht neu. Schließlich verursacht allein die Stromerzeugung weltweit fast die Hälfte der Emissionen des Klimakillers Kohlendioxid aus fossilen Brennstoffen. Doch der Kasseler Wissenschaftler Dr.-Ing. Dipl. Phys. Gregor Czisch verfolgt diesem Grundgedanken auf einem anderen Weg als üblich: Ein Stromnetz über ganz Europa, aber auch zu den Nachbarn in Afrika und Asien, könnte die Quellen der regenerativen und teils dezentralen Stromerzeugung über ein übergreifendes Stromnetz miteinander verbinden und den Strombedarf in Europa decken. Eingespeist würden der regenerative Strom aus Wind- und Wasserkraft, Sonnenenergie oder Biomasse, die dort genutzt werden, wo es grundsätzlich oder saisonal am besten ist – etwa Windenergie in Nordeuropa, Wüstenstrom in der Sahara oder Biomasse in Zentraleuropa. So ließe sich Strom großräumig von Norwegen bis Nordafrika, von Asien bis Andorra, durch Wind und Sonne erzeugen, alles miteinander verbinden und damit auch die Schwankungen bei Wind und Sonne ausgleichen. Gregor Czisch (Foto abrufbar unter http://www.uni-kassel.de/presse/pm/bilder/
Gregor_Czisch.jpg), wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Elektrische Energietechnik/ Rationelle Energiewandlung, das von Prof. Dr. Jürgen Schmid geleitet wird, hat u.a. in seiner Doktorarbeit „Szenarien zur zukünftigen Stromversorgung, kostenoptimierte Variationen zur Versorgung Europas und seiner Nachbarn mit Strom aus erneuerbaren Energien“ untersucht, welche Möglichkeiten sich aus technischer und wirtschaftlicher Sicht in Zukunft zur Deckung des europäischen Energiebedarfs anbieten. Eine aussichtsreiche Option besteht in der Nutzung regenerativer Energien in ihrer ganzen Vielfalt. „Das ist technisch bereits möglich und volkswirtschaftlich längerfristig voraussichtlich sogar günstiger als die konventionelle Stromversorgung“, so Czisch, „Die viel debattierten Vermeidungskosten zur Eindämmung des Klimawandels könnten sich bei geschickter Nutzung der regenerativen Energien sogar als wirtschaftliche Vermeidungsgewinne entpuppen“. So stünden die Solar- und Windkraftwerke ebenso wie die Hochspannungs-Gleichstromübertragung (HGÜ), zur Verfügung. Die HGÜ wird bereits seit Jahrzehnten auf allen Kontinenten genutzt, meist um regenerative Energie aus Wasserkraft ohne große Verluste in entfernte Verbrauchszentren zu leiten. In seiner Arbeit hat Czisch anhand verschiedener Szenarien Möglichkeiten einer weitgehend CO2-neutralen Stromversorgung für Europa und seine nähere Umgebung untersucht. Das Ziel war, jeweils die wirtschaftlich optimale Lösung zu finden, wobei das Szenariogebiet etwa 1,1 Mrd. Einwohner und einen Stromverbrauch von knapp 4000 Terawattstunden pro Jahr (TWh/a) umfasst.
Czisch, der unter anderem als Referent für den Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung „Globale Umweltveränderung“ (WBGU) tätig war, sieht seine wissenschaftliche Arbeit als gute Grundlage für wichtige politische und technologische Zukunftsentscheidungen. Die Szenarien zeigten, dass bei internationaler Kooperation selbst bei konservativen Annahmen eine rein regenerative Stromversorgung möglich sei, die wirtschaftlich ohne Probleme zu realisieren wäre. Eine wesentliche Aufgabe der Politik läge darin, die internationale Kooperation zu organisieren und Instrumente für eine Umgestaltung der Stromversorgung zu entwickeln. Dabei ergeben sich nicht nur ein sinnvoller Weg zu einer CO2-neutralen Stromversorgung, sondern auch ausgezeichnete Entwicklungsperspektiven für die ärmeren Nachbarstaaten der EU und Europas. Die Ergebnisse ließen sich – angepasst an die jeweiligen Besonderheiten – auch auf andere Weltregionen übertragen.

Bei den deutschen Grünen, von den Beiräten des WBGU, aber selbst beim Energiekonzern EnBW wird inzwischen argumentativ auf die Arbeiten des Kasseler Wissenschaftlers Dr. Gregor Czisch zurück gegriffen und ein transeuropäisches Ökostromnetz angedacht. Das freut Czisch, denn während der langjährigen Forschung an seinen Szenarien für eine Vollversorgung Europas und seiner Nachbarn mit Strom aus erneuerbaren Energien und ganz ohne Kohlen- und Atomenergie hat er immer in Hinblick auf die Möglichkeit einer baldigen Umsetzung gearbeitet. Die positive Resonanz in jüngster Zeit macht diesen Schritt greifbarer.

Pressemitteilung:

Info
Universität Kassel
Fachbereich Elektrotechnik/ Informatik/IEE-RE
Dr.-Ing. Dipl.-Phys. Gregor Czisch

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